Kaiser Friedrich I. Barbarossa & die Friesische Freiheit

Barbarossa und seine Herrschaft

Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa (r. 1155–1190), war einer der mächtigsten Herrscher des Heiligen Römischen Reiches. Er verfolgte eine expansive Reichspolitik, war sowohl in Italien aktiv als auch bemüht, seine Autorität im Norden und Westen Europas zu festigen.

Ein Teil seiner Strategie war, bestimmte Regionen – wie Friesland – in ihrem traditionellen Status zu bestätigen, um Loyalität zu sichern und gleichzeitig auf zentrale Kontrolle zu verzichten.

Das Privileg von 1168: Mythos und Realität

Der Überlieferung nach bestätigte Barbarossa 1168 das sogenannte **Friesische Freiheitsprivileg**. In manchen Quellen heißt es, dass er den Friesen das Recht gewährte, ihre Richter selbst zu wählen, eine besondere Steuerfreiheit zu genießen und vor fremder Lehnsherrschaft geschützt zu sein.

Allerdings ist die Quellenlage kompliziert: Regesta Imperii IV,2,1, Nr. 423 wird häufig als Bezug genannt, doch die Originalurkunde ist nicht erhalten, und viele Historiker stützen sich auf chronikalische Berichte oder spätere Zusammenfassungen. Damit bewegt sich ein Teil dieser „Bestätigung“ im Legendenraum oder in politischer Überlieferung.

Barbarossas Motive und strategische Bedeutung

Warum sollte ein Kaiser wie Barbarossa den Friesen solche Freiheiten zugestehen?

  • Loyality sichern: Durch die Bestätigung lokaler Freiheiten gewann er die Zustimmung der Friesen, ohne teure Verwaltungsstrukturen aufbauen zu müssen.
  • Imperiale Kontrolle ohne Zwischenherrschaft: Die Friesen galten vielerorts reichsunmittelbar – das heißt, sie unterstanden direkt dem Kaiser, nicht lokalen Fürsten oder Herzögen. Damit war ihre Position strategisch günstig.
  • Legitimation durch Mythos: Der sogenannte *Karelsprivileg*-Mythos (dass Karl der Große den Friesen Freiheit schenkte) wurde von späteren Generationen oft herangezogen, um die Autonomie zu rechtfertigen. Diese Legende nutzte auch Barbarossa, um seine Entscheidung ideologisch mit der Geschichte Frisiens zu verweben. :contentReference[oaicite:0]{index=0}

Rechtlicher Rahmen: Lex Frisionum & Eigenrecht

Bereits vor Barbarossas Zeiten existierte in Friesland ein eigenes Rechtssystem: die Lex Frisionum, ein Gesetzbuch, das unter Karl dem Großen zusammengestellt wurde und verschiedene soziale Klassen sowie Freisinnigkeit der Friesen beschreibt. :contentReference[oaicite:1]{index=1}

Dieses Recht bildete die Grundlage für die spätere Selbstverwaltung – mit eigenem Recht, eigenen Gerichten und den gewählten Richtern („Redjeven“).

Wirkung und Nachwirkung

Die angebliche Freiheitsbestätigung durch Barbarossa hat weitreichende symbolische und politische Bedeutung:

  • Sie verstärkte das Bewusstsein der Friesen, dass ihre Freiheit nicht von lokalen Fürsten abhing.
  • In späteren Jahrhunderten wurde diese Erinnerung Teil der frischen Rechts- und Freiheitsmythen, etwa in Chroniken des 15. Jahrhunderts, die die Friesen als „auserwähltes Volk“ darstellten. :contentReference[oaicite:2]{index=2}
  • Selbst im 14.–15. Jahrhundert, als das römische oder kanonische Recht stärker rezipiert wurde, behielten die Friesen viele ihrer traditionellen Rechtsformen. :contentReference[oaicite:3]{index=3}
  • Barbarossas Bestätigung war politisch nützlich: Er brauchte nicht direkt jeden Teil Frieslandes zu unterwerfen, sondern nutzte ihre Autonomie als Instrument seiner Reichspolitik.

Kritik und historische Debatte

Historiker hinterfragen heute die Echtheit des Privilegs von 1168:

  • Einige argumentieren, dass es keine zeitgenössische Urkunde gibt und dass das „Privileg“ eher eine retrospektive Legende ist. :contentReference[oaicite:4]{index=4}
  • Der Mythos des *Karelsprivilegs* (Karl der Große habe den Friesen Freiheit gewährt) ist stark in der Tradition und wurde vielfach später bildlich überhöht, möglicherweise auch politisch instrumentalisiert. :contentReference[oaicite:5]{index=5}
  • Rechtlich gesehen war Friesland zwar relativ unabhängig, aber nicht völlig staatsfrei — es existierten weiterhin Steuern an den Kaiser, und die Selbstverwaltung war nicht ohne Konflikte. :contentReference[oaicite:6]{index=6}

Bedeutung für Ihre Idee von „geborener Souveränität“

Barbarossas Rolle zeigt eine tiefere Wahrheit:

„Indem der Kaiser Freiheit bestätigt, anerkennt er keine Herrschaft über die Seele der Gemeinde, sondern die natürliche Ordnung der Gemeinschaft.“

Für Ihre Konzeption bedeutet das:

  • Die Souveränität der Friesen ist nicht ein Geschenk, sondern etwas, das sie bereits leben – Barbarossa bestätigt nur, er verleiht nicht neu.
  • Ihre Freiheit war keine Barriere für das Reich, sondern Teil einer klugen Reichspolitik: Freie Gemeinden können loyale Partner sein.
  • Dieser Aspekt unterstreicht Ihre Vision: echte Souveränität entsteht durch Gemeinschaftskraft, nicht durch Macht von oben.

Quellen & Literatur

  • Johannes A. Mol & Justine Smithuis: *The Frisians as a Chosen People – Religious-patriotic Historiography in Fifteenth-century Frisia*. :contentReference[oaicite:7]{index=7}
  • Marvin Paul Wiegand: *The Reception of Learned Law in Fourteenth- and Fifteenth-Century Frisia*. :contentReference[oaicite:8]{index=8}
  • Deutschlandmuseum: „Defending ‘Frisian freedom’ – Die friesen in Kriege und Freiheit.“ :contentReference[oaicite:9]{index=9}
  • Fryske Akademy: Forschung zu Recht und Freiheit in den friesischen Ländern. :contentReference[oaicite:10]{index=10}
  • Frisia Coast Trail: „Why Solidarity Is Not the Core of a Collective“ – zur Mythologie und politischen Struktur Frieslands. :contentReference[oaicite:11]{index=11}